Abgründige Tiefen - Gießener Allgemeine Zeitung
06.09.2021

Zum Auftakt schwere Kost: Das Stadttheater zeigt Benjamin Brittens Kammeroper »The rape of Lucretia«. Es geht um Macht und Missbrauch, um die Herrschaft des Mannes über die Frau. Um jeden Preis.

Die Oper ist zurück. Mit Kraft und Seele, mit Herz und Verstand. Der Pandemie zum Trotz wird wieder musiziert im Stadttheater. Doch auf dem Programm steht nichts Heiteres, Sinnentspannendes in heiklen Zeiten. Auf dem Programm steht ein Drama, eine Dystopie im Zeichen der Realität: die 1946 uraufgeführte Kammeroper »The rape of Lucretia« (Die Vergewaltigung der Lucretia) von Benjamin Britten. Sie handelt von Macht und Missbrauch, von der Herrschaft des Mannes über die Frau. Blut wird fließen.

Regisseur Christian von Götz legt sein Kammerspiel auf zwei Ebenen an. Er kreiert vor dem eisernen Vorhang eine Mär als Therapieansatz und nutzt dafür die beiden Erzählerfiguren: den weiblichen und den männlichen Chor (ausdrucksstark: Sopranistin Anna Gabler und Tenor Bernhard Berchtold). Die Frau leidet unter einem Trauma, ihr Freund will ihr helfen, es zu überwinden. Die beiden schildern sich die Lucretia-Geschichte, greifen in die Handlung ein und manipulieren sie, ehe am Ende die Frau jene Lucretia in den Selbstmorddolch stößt und ihr Freund seine Erlöserpredigt anstimmt. Offenbar steht der Mensch seit Jahrtausenden am Abgrund.

Zuvor hebt sich der eiserne Vorhang. Drei versoffene römische Generäle zerreißen sich im Feldlager das Maul über die mangelnde Treue der Frauen, während sie es nacheinander mit einer Professionellen treiben. General Junius behauptet: »Alle Frauen sind Huren.« Folglich sind alle Männer Vergewaltiger, teilen die Erzähler später mit. Diese Aussage hat das aus Männern bestehende Regie-Team ersonnen, damit ja keiner ohne Schuld davonkommt. Und natürlich gilt: »Wir sind Lucretia.« Die Details machen das Bild. Am Ende gibt es dafür am Premierensamstag vom Publikum langen Applaus für alle Beteiligten.
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Regisseur von Götz setzt auf stringente Personenführung und morbiden Humor, wenn er Junius mit Sonnenbrille und Blindenstock ausstaffiert. Er kann nichts sehen, wirft aber Pfeile auf eine Dartscheibe. In der nächsten Szene am Pissoir ist neuerlich Treffsicherheit gefragt. Tarquinius muss schließlich kotzen.

Das Bild hellt sich, als die Drehbühne das Schlafzimmer der schwangeren Lucretia freigibt. Hier scheint die Welt in Ordnung. Doch hinter der Fassade mit Blumenschmuck und gespenstisch großem Bettlaken lauert das Grauen in Gestalt des Schänders Tarquinius. Im Original-Libretto ist Lucretia keineswegs guter Hoffnung. Von Götz vergrößert damit die Fallhöhe seiner Figur, wenn sie nach dem Missbrauch auch noch eine Fehlgeburt erleidet.

Das Philharmonische Orchester Gießen spielt unter der Leitung seines Generalmusikdirektors Florian Ludwig. Suggestiv wirkt der farbige Sound der 14-köpfigen Besetzung, konzentriert und stilsicher. Die Harfe bezirzt, die Querflöten schmeicheln, das Englischhorn glänzt im Solo. Typisch Britten: Auch in seiner ersten Kammeroper landet er einen Hit. Das »Good night« am Schluss des ersten Akts strahlt in sensitiver Schönheit.

Das Ambiente besticht ebenso. Die schwarz-weißen Räume von Ausstatter Lukas Noll atmen etwas Klaustrophobisches, die schlichten Kostüme verfehlen ihre Wirkung nicht. Die wenigen Farbtupfer erzeugen Stimmungen, auch und gerade dann, wenn die Charaktere über Dinge sinnieren, die in dieser Inszenierung nicht vorkommen - etwa über die Arbeit am Spinnrad, obwohl auf der Bühne gerade eine Babypuppe gewickelt wird.

Statt »Regina« die »Lucretia«

Eigentlich war die Sängerriege in der letzten Spielzeit für Lortzings »Regina« verpflichtet, die dann wegen der bundesweit hohen Inzidenzzahlen ins Wasser fiel. Da niemand wusste, wie sich Corona weiterentwickelt und die Proben für die erste Oper der neuen Saison vor der Sommerpause begannen, nahm das Theater ein Kammerspiel ins Visier.

Das Personal der »Regina« entpuppt sich bei der »Lucretia« als Glücksfall. Alle singen auf hohem Niveau. Grga Peroš gibt den Tarquinius mit Inbrunst. Der Hausbariton hat stimmlich zugelegt. Christian Tschelebiew verleiht General Collatinus Format, Kay Stiefermann dem Junius.

Altistin Evelyn Krahe in der Titelpartie ist der Star des Abends. Schon lange hat keine Frauenstimme mehr im Großen Haus derart abgründige Tiefen ausgelotet. Anna Magdalena Rauer (Dienerin Lucia) verfügt über brillante Momente, Sofia Pavone (Amme Bianca) steht ihr in nichts nach. Das herausragende Ensemble krönt eine vielschichtige Oper, die niemand verpassen sollte. Solange es noch geht.


Manfred Merz, 06.09.2021, Gießener Allgemeine Zeitung